Mit Überschall durch die Geschichte – Seilermuseum in Stockach gewinnt Preis für Handwerksgeschichte

Pressemitteilung vom 1. Februar 2024

Bernhard Muffler aus Stockach gewinnt ersten Preis für Handwerksgeschichte. Lebendige Werkstatt und Museum zeigen sein Gewerk. Der Seilermeister hält als einer der letzten Karbatschenherstellung für die Fasnacht lebendig.

Ohne diese Handwerkskunst wäre die schwäbisch-alemannische Fasnacht ein gutes Stück leiser. Das laute Knallen der Karbatschen ist die Begleitmusik mancher Narrenzünfte, wenn sie durch die Gassen von Überlingen, Villingen oder Überlingen ziehen – von Drei König bis Fasnachtsdienstag. Seilermeister Bernhard Muffler aus Stockach spinnt, dreht und flechtet davor unter Hochdruck. 300 dieser Peitschen produziert er im Jahr, hauptsächlich für Narrenvereine der Region, aber auch für Liebhaber aus der ganzen Welt. Er ist einer von wenigen, die die Herstellung der Peitschen mit dem kurzen Holzgriff noch beherrschen.

Detailaufnahme vom Flechten einer Karbatsche.
Die einzelnen Seile werden zur Karbatsche geflochten. Foto: Oliver Hanser

Preisverleihung in Berlin

Doch Muffler versteht sich nicht nur auf die Herstellung von Karbatschen, seine Seile, Taue und Leinen sind auch heute zum Beispiel bei Seglern gefragt. Mit seinem Wissen und seinem Engagement rund um das Seilerhandwerk hat der 61-Jährige nun den Preis für Handwerksgeschichte vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) gewonnen, der zum ersten Mal vergeben wurde. Er ist einer von drei Preisträgern. Beworben hatten sich aus ganz Deutschland 71 Handwerker. „Der Preis ist für mich eine ganz besondere Auszeichnung“, sagt Muffler, dessen Familie schon seit über 150 Jahren an der Stockacher Stadtmauer Seile dreht.

„Die Anerkennung, die wir letztes Jahr nach der Museumserweiterung Seilerbahn-Reeperbahn seitens Kulturamt-Stadtmuseum und der ganzen Stadt Stockach erfahren durften, war großartig und hat mich mit großer Freude und auch Dankbarkeit erfüllt. Das Seilermuseum ist für Stockach und die Region als besonderer Kulturschatz entdeckt worden. Dass ich dafür nun auch bundesweit als Preisträger in Berlin geehrt wurde, erfüllt mich natürlich auch mit Stolz. Gerne bin ich weiter als Botschafter für mein Handwerk unterwegs, das ich liebe.“

„Wirtschaftskraft und Kulturgeschichte“

Bei der Preisverleihung am 31. Januar in Berlin sagte ZDH-Präsident Jörg Dittrich: „Das Handwerk ist nicht nur eine zentrale Säule der Wirtschaftskraft Deutschlands, sondern integraler Bestandteil unserer Kulturgeschichte.“ Das mache der Preis für Handwerksgeschichte nun sichtbarer. „Das ist gut, weil auch für Handwerkerinnen und Handwerker gilt: Wer den besten Weg in die Zukunft finden will, sollte wissen und darauf aufbauen, was bereits hinter einem liegt. Die eigene Geschichte und Tradition kann Inspirationsquelle für Innovationen sein.“ Der Preis für Handwerksgeschichte zeige zum einen, wie stark Kultur und Geschichte im Handwerk ineinanderfließen, und zum anderen verschaffe er dem handwerklichen Beitrag und Einsatz für die Gesellschaft Sichtbarkeit.

Gruppenbild von der Verleihung des Preises für Handwerksgeschichte: ZDH-Präsident Jörg Dittrich mit Seilermeister Bernhard Muffler und Laudatorin Dr. Senta Herkle.
Preisträger Seilermeister Bernhard Muffler (Mitte) mit ZDH-Präsident Jörg Dittrich und Laudatorin Dr. Senta Herkle. Foto: ZDH/ Peter Lorenz.

Lebendige Werkstatt mit Seilerbahn

In dem Gebäude in Stockach, in dem schon seit über 200 Jahren Seilerfamilien leben, hat Muffler seiner Faszination für sein Handwerk einen Platz gegeben. In seiner lebendigen Werkstatt zeigt der Seilermeister Besuchern, wie aus Hanf- oder Flachsfasern ein kräftiges gleichmäßiges Seil wird. Handwerk zum Anfassen, integriert in einem Museum über die Seilergeschichte. Im vergangenen Jahr folgte die Erweiterung des Museums mit der Modernisierung der Seilerbahn, die sich knapp 50 Meter die Stadtmauer entlang zieht. Besucher können sich jetzt zudem die Geschichte und Bedeutung der Seilerei über einen Audioguide anhören.

Für den ZDH war dieses Gesamtpaket überzeugend: Das Museum mache Handwerk und Geschichte der Familie Muffler erlebbar. Der Stockacher arbeite aktiv an einem besseren Image der Branche mit. So kommuniziert er auch stolz, dass sein Großvater durch die Erfindung der elektronischen Muffler-Spinnmaschine vor über 100 Jahren die Industrialisierung mit vorangetrieben hat. „Das Handwerk ist das Rückgrat unserer Gesellschaft. Die Leistung der einzelnen Betriebe ist bemerkenswert“, sagt Titus Kockel, Referatsleiter für Kunsthandwerk und Handwerksgeschichte im ZDH. Sie seien schon seit Jahrhunderten international aufgestellt. Das wolle der Preis deutlicher machen und außerdem das gesammelte historische Wissen im Handwerk festhalten.

Taue für die Schifffahrt

Denn seit der Industrialisierung haben sich die Gewerke immer weiterentwickelt – Tradition existiert neben Innovation. Auch im Seilerhandwerk. Wurden die Muffler-Seile früher vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt, ist es heute die Schifffahrt. Auf allen Weltmeeren ist das Tauwerk der Seilerei und Flechterei Muffler unterwegs, statt aus Naturfasern meist aus modernsten Kunststoffverbindungen geflochten. Im Stockacher Gewerbegebiet fertigt das Unternehmen täglich rund 35.000 Meter Seil maschinell – für Anwendungen in der Industrie. Und für Muffler läuft’s auch sonst: Seine beiden Töchter Sophie und Helena werden den Betrieb in wenigen Jahren übernehmen.

Altes Handwerk: Spinnen aus dem Schurz

Sophie folgt ihm als angehende Seilermeisterin ins Handwerk. An sie gibt er auch sein Wissen über die Karbatschen weiter. Denn im Südwesten gibt es nur noch in Markdorf einen, der die Technik beherrscht. Das Spinnen aus dem Schurz. Muffler bindet sich dafür einen Schurz um die Hüfte, in dem die Pflanzenfaser liegt, wie strohige Pferdemähne. Daraus spinnt er auf der Seilerbahn Fäden, die zu Seilen zusammengefasst werden. Das Komplizierte:  Da die Karbatschen vom kurzen Holzgriff bis zur Spitze immer dünner werden, muss auch der Faden bereits konisch gesponnen werden. Danach flechtet er die einzelnen Seile zur Karbatsche. Je nach Nutzer können diese zwischen 2,50 und 4,50 Meter lang sein und bis zu 200 Euro kosten.

Seilermeister Bernhard Muffler spinnt in seiner Werkstatt eine Karbatsche traditionell aus dem Schurz.
So wie früher spinnt der Seilermeister die Seile aus dem Schurz. Foto: Oliver Hanser

Das Schnellen der Karbatsche erfordert einiges an Übung. Es sei weniger die Kraft als vielmehr die richtige Technik, mit der die Karbatsche über dem Kopf geschwungen werde, so Muffler. Und dann ist es reine Physik: Das konische Seil beschleunigt sich immer mehr, am Schluss erreicht es fast doppelte Schallgeschwindigkeit. Es entsteht ein Luftloch, die Luftteilchen klatschen zusammen – peng.

Das Handwerk und seine Geschichte
Der Preis für Handwerksgeschichte wurde in diesem Jahr zum ersten Mal vergeben. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) zeichnet damit Handwerksbetriebe und -organisationen aus. Der Preis soll später auch an Wissenschaftler für handwerkshistorische Arbeiten vergeben werden, um Handwerksgeschichte für die Wissenschaft interessanter zu machen. Derzeit gibt es keinen Lehrstuhl in Deutschland, obwohl die Branche schon immer ein wichtiger Motor für die deutsche Wirtschaft war.

Die Preisträger

Die Innung Sanitär Heizung Klempner Klima Berlin hat seine 400-jährige Innungsgeschichte aufbereitet. Das Projekt umfasst sowohl das um Mitgliederquellen erweiterte Innungsarchiv als auch eine fundierte und anschauliche Festschrift zum Jubiläum.

Das Seilermuseum Stockach wurde ebenfalls ausgezeichnet. Die Seilerei + Flechterei Bernhard Muffler zeigt die Geschichte und Bedeutung des Seilerhandwerks im Bodenseeraum und lässt dieses Handwerk für die Besucher zum Erlebnis werden.

Die Main Bäcker Hench GmbH gehört zu den Preisträgern für ihre Quellenedition „Backen im Nationalsozialismus“, ein Projekt im Rahmen des Citizen Science Programms des Stadt- und Stiftsarchivs Aschaffenburg. Die Fachgruppe Restauratoren im Handwerk e.V. erhielt eine besondere Erwähnung für ihr Ausstellungsprojekt „Besessen – Die geheime Kunst des Polsterns“, das sie gemeinsam mit einem externen Kurator am Grassi-Museum in Leipzig durchgeführt hat.

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